How to: Community Management am Wochenende

Warum Marken nicht rund um die Uhr online sein müssen und was Creator wirklich darüber denken

22. September 2026

«Schaut eure Praktikantin noch um 01:00 Uhr nachts Videos?» oder «Haben die vergessen, sich auszuloggen?» – Genau diese Frage stellte Creator July in seinen viralen TikToks und Instagram-Reels. Der Auslöser: Unter seinen Videos, etwa zu einem Schlafkissen, tummelten sich plötzlich dutzende verifizierte Brand-Accounts von Supermärkten, Käse-Herstellern oder Baumärkten, die nachts oder auch Sonntagabends fleissig mit kommentierten.

Für uns war das der perfekte Anlass, tiefer zu blicken: Wie nehmen Creator diesen Trend wahr, welche Grenzen gibt es und wie sieht ein sinnvolles Community Management am Wochenende aus?

In unserem gemeinsamen Gespräch mit July hat er uns seine Sicht der Dinge erklärt.

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Die Creator-Perspektive: Witziger Trend oder nervige Eigenwerbung?

Wenn ein verifizierter Marken-Account unter einem Reel auftaucht, sorgt das im ersten Moment für Aufmerksamkeit. Wie July uns im Gespräch erklärt, geht es aus seiner Sicht bei solchen Kommentaren vor allem darum, Sympathiepunkte und Reichweite zu sammeln. Solange die Interaktionen unterhaltsam sind und zur Situation passen, mache das Ganze der Community auch Spass.

Kritisch wird es für den Creator jedoch dann, wenn Marken krampfhaft versuchen, jeden Beitrag auf ihr eigenes Unternehmen umzumünzen und Eigenwerbung zu platzieren. In solchen Fällen greift July inzwischen auch rigoros durch:

«Da habe ich auch schon angefangen, deren Kommentare zu löschen, weil ich mir denke: Ich bin nicht deine Werbefläche unter meinen Beiträgen.»

Neben der inhaltlichen Komponente hinterfragt July aber auch die Arbeitszeiten hinter den Accounts. Wenn Marken sonntags um 23:15 Uhr antworten, richtet er einen klaren und gewohnt direkten Appell an die Social Media Teams:

«Leute, ihr habt Feierabend! Lasst euch nicht knechten von eurem Chef. Ihr habt einen freien Willen, ihr müsst das nicht tun.»

Zwei Mitarbeiterinnen des Internal Marketing von SR-STUDIOS sitzen vor einem Computerbildschirm im Büro und halten ein Interview Gespräch mit Creator July (@julyanpohl) über Community Management. | SR-STUDIOS

Die Marketingsicht: Tipps für ein entspanntes Wochenende

Aus Agentur- und Marketingsicht stehen Unternehmen oft unter dem gefühlten Druck, ständig erreichbar sein zu müssen. Doch wie wir intern bei SR-STUDIOS gerne sagen: «Wenn es im Marketing brennt, ist meistens kein Menschenleben in Gefahr.» Gute Betreuung entsteht nicht durch permanente Verfügbarkeit, sondern durch klare Prozesse und realistische Erwartungen.

Hier sind drei Tipps, wie Unternehmen ihr Wochenend-Management optimieren:

1. Nicht jede Benachrichtigung ist ein Notfall

Die meisten Interaktionen auf Social Media sind normale Fragen, Feedbacks oder Kommentare. Sie erfordern in den seltensten Fällen sofortiges Handeln und können problemlos bis zum nächsten Arbeitstag warten. Wichtig ist lediglich, echte Krisenszenarien (z. B. Shitstorms) im Vorfeld klar vom Alltagsgeschäft zu unterscheiden.

2. Erwartungen kommunizieren & Systeme nutzen

Wer am Wochenende nicht aktiv besetzt ist, sollte das offen zeigen:

  • Hinterlegt Öffnungszeiten auf allen Profilen (z. B. bei WhatsApp Business, Google und der eigenen Website)
  • Nutzt automatische Abwesenheitsnotizen oder FAQ-Automatisierungen für Standardanfragen

Nutzer:innen erwarten meistens keine Antwort innerhalb von fünf Minuten – sie möchten vor allem wissen, woran sie sind.

3. Die Betreuung beginnt im Redaktionsplan

Plant sensible oder diskussionsintensive Themen bevorzugt für Tage ein, an denen das Team im Büro ist und direkt moderieren kann. Für das Wochenende eignen sich eher leichte, unterhaltsame Inhalte. Bei grossen Launches kann zudem ein kurzes Rotations- oder Bereitschaftssystem Sicherheit geben, ohne dass jemand 48 Stunden durchgehend den Feed überwachen muss.

Creator July (@julyanpohl) steht lächelnd und in Bewegung im Freien. Das Bild findet man im Rahmen des Blogartikels von SR-STUDIOS zum Thema Community Management. | SR-STUDIOS

Menschlichkeit schlägt Rund-um-die-Uhr-Präsenz

Am Ende zeigt die Erfahrung aus beiden Perspektiven: Gutes Community Management lässt sich nicht durch ständige Verfügbarkeit erzwingen, sondern lebt von echter Persönlichkeit, Humor und dem richtigen Feingefühl.

Einen Marken-Account persönlich und nahbar zu führen bedeutet nicht, um 01:00 Uhr nachts online zu sein. Es bedeutet, den starren Corporate Ton abzulegen und der Community auf Augenhöhe zu begegnen. Wie July im Gespräch betont, verändern sich Social Media Kanäle genau in diese Richtung: weg von anonymer Unternehmenskommunikation, hin zu echten menschlichen Interaktionen.

«Ich finde es eigentlich schon cool, wenn Firmen aktiv sind und immer persönlicher werden. Aber eben nicht um 01:00 Uhr morgens. Das bringt mich nicht dazu, ein Produkt bei ihnen zu kaufen.  Ich finde das einfach nur sehr unterhaltsam.»

Was bedeutet das also konkret für Marken?

  • Persönlichkeit vor Reaktionszeit
    Ein charmanter, persönlicher Kommentar zur richtigen Zeit bringt einer Brand deutlich mehr Sympathiepunkte als ein erzwungener Spruch am Sonntagabend.
  • Mut zur Lücke
    Eine starke Community entsteht durch Beziehungen und Vertrauen. Nutzer:innen schätzen authentische Gesprächspartner:innen und dazu gehört auch zu akzeptieren, dass am Wochenende Feierabend ist.
  • Menschlichkeit als Strategie
    Zeigt Gesicht und Haltung. Wer sich traut, auf Kanälen wie TikTok oder Instagram locker und individuell zu agieren, sticht aus der Masse heraus.

Offline sein darf also ausdrücklich Teil der Marketing-Strategie sein. Es handelt sich nicht um einen Mangel an Kund:innenservice, sondern um eine bewusste strategische Entscheidung für Qualität. Denn wer erholt ist, bringt am Montag wieder mehr Fokus, Kreativität und das nötige Feingefühl mit, um die eigene Community nachhaltig zu begeistern.